Hamburg zeigt derzeit in beeindruckender Weise, wie konsequent Infrastrukturtransformationsprojekte umgesetzt werden können – und wie eng Energie, Industrie und Logistik miteinander verflochten sind. Denn was im Hafen zwischen Kränen, Terminals und Industrieanlagen entsteht, ist weit mehr als ein technisches Großprojekt: Es ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer klimafreundlichen Wärmeversorgung in einer Millionenstadt.
Nur wenige Kilometer trennen die Zukunft von der Vergangenheit. Auf der Dradenau wächst der Energiepark Hafen, während das Kohlekraftwerk Moorburg – einst Symbol für fossile Energie – bereits Geschichte ist. Nach dem Volksentscheid und der Übernahme durch die kommunalen Hamburger Energiewerke investiert die Stadt nun Milliarden, um die Fernwärme bis 2030 vollständig ohne Steinkohle zu betreiben. Und im Zentrum dieser Transformation steht ein Projekt, das ebenso unscheinbar wie genial ist: Wärme aus Abwasser.
Abwasser als Energiequelle – ein logistisches Zusammenspiel der besonderen Art
Täglich fließen rund 450.000 Kubikmeter gereinigtes Abwasser aus Haushalten und Betrieben zum Klärwerk Hamburg. Dieses Wasser ist selbst im Winter nie kälter als etwa zwölf Grad – ein thermischer Schatz, der bisher ungenutzt durch einen Düker Richtung Elbe gelangte. Genau hier setzen vier Großwärmepumpen von Johnson Controls an, die zusammen 60 Megawatt Wärmeleistung bereitstellen können – eine Größenordnung, die weltweit nur wenige Hersteller realisieren.
Die Logistik hinter diesem Prozess ist bemerkenswert: Abwasserströme müssen stabil geführt, Temperaturschwankungen abgefangen und die Wärme zuverlässig in das Fernwärmesystem überführt werden. Die Wärmepumpen entziehen dem Abwasser rund 3,5 Kelvin, verdichten das Kältemittel auf bis zu 31,7 bar und erzeugen so Temperaturen von rund 95 Grad Celsius – genug, um das Hamburger Fernwärmenetz zu speisen. Gleichzeitig wird die Abwärme des Elektromotors genutzt, was den Gesamtwirkungsgrad verbessert.
Ab Anfang 2026 soll das System voll einsatzbereit sein. Dann wird das aufgeheizte Wasser in ein neues GuD-Kraftwerk eingespeist, das nicht nur ergänzende Wärme erzeugen, sondern auch als logistisches Herzstück fungieren soll: Aufheizen, Zwischenspeichern, Absichern. Ein 50 Meter hoher Wärmespeicher mit 50 Millionen Litern Fassungsvermögen dient dabei als thermisches Pufferlager – ein wichtiger Baustein für Versorgungssicherheit, gerade in dicht besiedelten Gebieten.
Zudem wurde die neue KWK-Anlage auf synthetische Gase ausgelegt. Damit sichert Hamburg heute schon ab, dass die Infrastruktur langfristig auf klimaneutrale Brennstoffe umgestellt werden kann, ohne neue technische Hürden aufzubauen.
Ein Zukunftsprojekt, das weit über die Wärmeerzeugung hinausweist
Auch wenn es sich auf den ersten Blick um ein Energieprojekt handelt, spiegelt es zugleich zentrale Herausforderungen der Logistik wider: das Zusammenspiel komplexer Systeme, die Planung und Steuerung gewaltiger Stoffströme, die Integration neuer Technologien in gewachsene Strukturen und der Anspruch, Versorgungssicherheit in einem dynamischen Umfeld zu garantieren.
Hamburg zeigt mit diesem Projekt, wie Transformation gelingen kann: mit Mut zur Investition, technischer Präzision und einem funktionierenden Zusammenspiel aus Energie- und Logistikinfrastruktur. Und vielleicht ist es gerade dieser Mix, der die Hansestadt zum Vorreiter für die Wärmewende macht.
Quelle: energiezukunft.eu