Die industrielle Logistik steht an einem Wendepunkt. Während jahrzehntelang das Optimum im Materialfluss gesucht wurde – präzise Behälterkreisläufe, effiziente Routenzüge, robuste Transportketten –, verschiebt sich der Fokus heute spürbar. Die eigentliche Wertschöpfung entsteht zunehmend dort, wo Informationen fließen. Datenqualität, Architektur und eine gelebte Digitalisierungskultur entwickeln sich zu den Hebeln, die die Zukunft der Logistik maßgeblich bestimmen. Auf dem automotiveIT Kongress brachte Thorsten Sommer, Leiter Produktion & Logistik IT bei Volkswagen, diesen Paradigmenwechsel auf den Punkt.
Die Digitalisierung der automobilen Logistik hat ihre bisherigen Grenzen längst überschritten. Mechanische Effizienzsteigerungen stoßen an natürliche Limits, während digitale Werkzeuge neue Spielräume eröffnen. Eine interne Analyse bei Volkswagen zeigt: Rund 60 Prozent des Zielbilds für 2030 lassen sich nur digital erschließen. Für Sommer ist das weniger ein technisches Problem – denn „die Technologie funktioniert“ – sondern vor allem ein kulturelles. Die größte Hürde liegt im Mindset. Besonders das mittlere Management müsse lernen, Informationsmodelle, Datenflüsse und IT-Kollaboration als selbstverständlichen Teil logistischer Arbeit zu begreifen.
Damit wird Logistik zunehmend als Informationsnetzwerk verstanden, das nach denselben Prinzipien funktioniert wie die klassischen 6R-Regeln – nur eben auf der Datenebene. Richtig, zeitgerecht, adressatengerecht und in hoher Qualität sollen Informationen verfügbar sein. Diese Kompetenzverschiebung führt zu Sommers zugespitzter These, dass Logistiker in naher Zukunft zu Informatikern werden müssen – nicht, weil das physische System an Bedeutung verliert, sondern weil digitaler Durchblick zum Fundament logistischer Exzellenz wird.
Datenarchitektur vor KI: Die Logistik braucht ein stabiles digitales Fundament
Ein weiterer Schwerpunkt seines Vortrags: Daten sind strategisches Kapital, kein Nebenprodukt. Sommer kritisierte die verbreitete Tendenz, große KI-Initiativen zu starten, ohne vorher die Basis – Datenqualität, Schnittstellen, semantische Modelle, Applikationslandschaften – zu ordnen. Ohne diese Grundlagen bleibt jeder KI-Euphorie ihr operativer Nutzen verwehrt. Der Trend gehe daher klar weg von pauschalen „Cloud-first“-Programmen hin zu Cloud-smart-Strategien, die sowohl Kosten als auch Datenhoheit und Architekturstringenz berücksichtigen.
Sommers schärfste Kritik richtete sich gegen technikgetriebene Projekte ohne klare Wertschöpfungslogik. Investitionen in Digitalisierung seien nicht per se „strategisch“. Vielmehr brauche es eine nüchterne Bewertung, die Business Value und Hype-Faktor miteinander ins Verhältnis setzt. Technologien mit geringer Außenwirkung – beispielsweise Monitoring-Tools oder Transparenzlösungen – erzielten häufig den größeren Effizienzgewinn als spektakuläre Pilotprojekte.
Am Ende war Sommers Vortrag weniger eine Bestandsaufnahme aktueller Tools als ein eindringlicher Appell: Die Zukunft der Logistik entscheidet sich nicht in der Frage, welche Technologie eingesetzt wird, sondern wie gut die Branche Kultur, Daten und Architektur beherrscht. Wer hier sauber aufstellt, wird die nächsten Jahrzehnte logistischer Wertschöpfung gestalten. Wer darauf vertraut, dass der nächste Technologiehype von selbst Wirkung entfaltet, läuft Gefahr, dauerhaft hinterherzulaufen.
Quelle: automotiveit.eu