Die EU hat eine Einigung erzielt, doch der große Wurf bleibt aus: Das geplante Lieferkettengesetz kommt in deutlich abgespeckter Form. Für Unternehmen in Europa bedeutet das ein Stück Rechtssicherheit – gleichzeitig aber auch die Erkenntnis, dass der ursprünglich angedachte, weitreichende Rahmen zur Sorgfaltspflicht entlang globaler Lieferketten nicht umgesetzt wird. Für die Logistik als zentrale Schnittstelle internationaler Wertschöpfungsketten ist diese Entwicklung weit mehr als eine Randnotiz. Sie beeinflusst Prozesse, Verantwortlichkeiten und Risikoabwägungen der gesamten Branche.
Kern der Einigung ist die deutliche Reduzierung des Geltungsbereichs. Statt bereits ab 500 Beschäftigten und 150 Millionen Euro Jahresumsatz zu greifen, soll die Regelung erst für sehr große Unternehmen gelten – jene ab 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und mindestens 450 Millionen Euro Umsatz. Auch die ursprünglich vorgesehenen Teile der Wertschöpfungskette, insbesondere Rechtsgeschäfte nach dem Verkauf eines Produkts, fallen weg. Damit wird der Anwendungsbereich spürbar eingegrenzt, was den bürokratischen Druck auf viele Unternehmen mindert, aber gleichzeitig die Ambitionen zur umfassenden Kontrolle sozialer und ökologischer Standards abschwächt.
Dass die Debatte so intensiv geführt wurde, überrascht kaum: In kaum einer anderen Branche zeigt sich die Komplexität globaler Verflechtungen so deutlich wie in der Logistik. Transportdienstleister, Spediteure und Supply-Chain-Verantwortliche sehen sich seit Jahren mit steigenden Anforderungen an Transparenz, Risikoprüfung und dokumentierte Verantwortung konfrontiert. Ein europaweit gültiger Rechtsrahmen hätte hier für Einheitlichkeit sorgen können – stattdessen bleibt ein Kompromiss, der hoffentlich zumindest Planungssicherheit bietet.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Für die Praxis bedeutet die abgeschwächte Fassung des Gesetzes zweierlei: Große Unternehmen müssen sich weiterhin intensiv mit ihren Lieferketten auseinandersetzen, allerdings auf einem enger gefassten Spielfeld. Mittelständische Betriebe hingegen rücken zumindest vorerst aus dem Fokus heraus. Für die Logistik ergeben sich dadurch neue Spielräume, aber auch offene Fragen. Denn global agierende Kunden erwarten weiterhin hohe Standards – unabhängig vom juristischen Mindestmaß.
Insbesondere Dienstleister, die sich bereits stark an ESG-Kriterien orientieren oder auf transparentes Risikomanagement setzen, werden ihre Bemühungen fortführen müssen. Wer Lieferketten heute resilient und wettbewerbsfähig halten will, kommt an sorgfältig dokumentierten Prozessen ohnehin nicht vorbei. Die abgeschwächte Regulierung ändert daran wenig. Sie verschiebt lediglich die Schwelle, ab der rechtliche Verpflichtungen greifen.
Damit bleibt die Richtung klar: Die Diskussion über Verantwortung in globalen Lieferketten ist längst nicht abgeschlossen – sie nimmt nur eine andere Kurve. Für die Logistik ist das ein Weckruf, weiterhin proaktiv zu handeln, statt nur auf regulatorische Vorgaben zu reagieren. Denn stabile, transparente und verantwortungsvolle Supply Chains sind nicht nur ein politisches Ziel, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor in einem zunehmend anspruchsvollen Marktumfeld.
Quelle: Verkehrsrundschau