Der Mangel an Berufskraftfahrern ist längst kein schwelendes Problem mehr, sondern entwickelt sich zu einem handfesten Risiko für die Lieferketten. Nach Einschätzung von Branchenverbänden fehlen in Deutschland derzeit rund 70.000 Fahrerinnen und Fahrer. Eine Zahl, die aufhorchen lässt – und die verdeutlicht, wie stark die Logistik inzwischen unter strukturellem Personaldruck steht.
Schon heute ist der Straßengüterverkehr das Rückgrat der Versorgung von Industrie, Handel und Bevölkerung. Wenn hier Kapazitäten wegbrechen, gerät das fein austarierte System aus Produktion, Lagerhaltung und Distribution ins Wanken. Die Verbände warnen daher eindringlich: Ohne Gegenmaßnahmen drohen Engpässe, steigende Kosten und eine zunehmende Instabilität der Lieferketten.
Die Ursachen sind vielschichtig. Ein zentraler Faktor ist die demografische Entwicklung. Viele Fahrer erreichen in den kommenden Jahren das Rentenalter, während der Nachwuchs ausbleibt. Der Beruf gilt als anspruchsvoll, mit langen Abwesenheiten von zu Hause, hoher Verantwortung und zunehmendem Zeitdruck. Hinzu kommen bürokratische Hürden bei Ausbildung und Qualifikation. Die Gewinnung neuer Kräfte – insbesondere aus dem Ausland – gestaltet sich ebenfalls schwierig.
Für die Logistik bedeutet das eine doppelte Herausforderung: Einerseits müssen Unternehmen ihre operative Leistungsfähigkeit sichern, andererseits langfristig ihre Personalstrategien überdenken. Kurzfristige Lösungen greifen hier zu kurz. Gefragt sind strukturelle Ansätze, die den Beruf attraktiver machen und Ausbildungswege vereinfachen.
Strukturelle Reformen statt Flickwerk
Die Branchenvertreter fordern daher politische Maßnahmen, um gegenzusteuern. Dazu zählen unter anderem Erleichterungen bei der Anerkennung ausländischer Führerscheine und Qualifikationen sowie eine Beschleunigung administrativer Prozesse. Auch eine stärkere Förderung der Ausbildung junger Menschen wird als notwendig erachtet.
Darüber hinaus geht es um die Arbeitsbedingungen selbst. Moderne Fahrzeuge, planbarere Touren, bessere Infrastruktur entlang der Autobahnen und mehr Wertschätzung für den Beruf könnten dazu beitragen, das Image zu verbessern. Denn klar ist: Die Logistik kann nur so leistungsfähig sein wie die Menschen, die sie tragen.
Der Fahrermangel zeigt exemplarisch, wie verletzlich komplexe Lieferketten sind. Effizienzsteigerungen, Digitalisierung und Prozessoptimierung bleiben wichtig – doch ohne ausreichend Personal stoßen selbst die besten Systeme an ihre Grenzen. Wer die Versorgungssicherheit langfristig gewährleisten will, muss deshalb jetzt handeln. Andernfalls droht aus einem Engpass ein strukturelles Problem zu werden, das weit über die Transportbranche hinausreicht.
Quelle: logistik heute