Wer in der Beschaffung oder Logistik heute noch in linearen Bahnen denkt, verliert zunehmend den Anschluss. Der Druck, Lieferketten neu zu gestalten – resilienter, nachhaltiger, zirkulärer – wächst von allen Seiten: durch regulatorische Vorgaben, volatile Rohstoffmärkte und nicht zuletzt durch den gesellschaftlichen Wandel. Dass die Wissenschaft dabei mehr als nur Schritt hält, bewies die diesjährige Verleihung der BME Science Awards eindrucksvoll.
Im Rahmen des 19. Wissenschaftlichen Symposiums „Supply Management" an der Universität Mannheim ehrte der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) herausragende Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Den Habilitationspreis sicherte sich PD Dr. Christian Weckenborg von der TU Braunschweig. Seine Arbeit spannt einen weiten Bogen: Sie beleuchtet Managementaufgaben in Beschaffung, Distribution, Materialwirtschaft und interner Logistik – und das konsequent aus einer dreifachen Nachhaltigkeitsperspektive, die ökonomische, ökologische und soziale Wirkungen unternehmerischer Entscheidungen gegeneinander abwägt. Ergänzt wird dieser Rahmen durch eine fundierte Auseinandersetzung mit industrieller Digitalisierung und den konkreten Einsatzmöglichkeiten neuer Technologien im Produktionsumfeld.
Die prämierten Masterarbeiten setzen inhaltlich dort an, wo die Branche gerade besonders unter Zugzwang steht. Simon Hohnwald von der Universität Mannheim widmete sich dem europäischen Altfahrzeugmarkt – einem Thema, das durch verschärfte ELV- und Batterie-Verordnungen erheblich an Brisanz gewonnen hat. Seine Kernfrage: Wie kann die Automobilindustrie Fahrzeuge am Ende ihres Lebenszyklus strategisch zurückgewinnen, um sie als Input für Reuse, Remanufacturing, Recycling oder Recovery nutzbar zu machen? Für eine Branche, die ohnehin in einem tiefgreifenden Strukturwandel steckt, ist das kein akademisches Gedankenspiel – es geht um handfeste Beschaffungsstrategien für eine zirkulär gedachte Logistik.
Innovation von außen: Einkauf als Treiber statt Abwicklungsinstanz
Ana Vrbica von der Hochschule München rückte in ihrer ausgezeichneten Arbeit eine andere Perspektive in den Mittelpunkt: den Einkauf als aktiven Gestalter von Innovationsnetzwerken. Ihr Innovation-Sourcing-Rahmenkonzept beschreibt, wie externe Innovationspotenziale strategisch, organisatorisch und kulturell in den Einkauf integriert werden können – und damit die traditionelle Rolle dieses Bereichs grundlegend neu definiert. Wer Einkauf bislang vor allem als kostenoptimierte Abwicklungsfunktion verstand, bekommt hier ein überzeugend begründetes Gegenmodell vorgelegt.
Alle Preisträger eint, dass sie an den wirklich drängenden Fragen der Branche arbeiten: Wie werden Lieferketten kreislauffähig? Welche Rolle spielen Digitalisierung und neue Technologien dabei? Und wo schlummern Innovationspotenziale, die bisher ungenutzt bleiben? Die Vorträge des Symposiums erscheinen im Sommer 2026 in einem Tagungsband – und dürften für alle, die in Einkauf, Beschaffung und Logistik strategisch denken, eine lohnende Lektüre sein.
Quelle: logistik heute